Christian Linder und der Code der Macht

Christian Lindner und der Code der Macht.

Es ist der 6. Januar 2019. FDP-Parteichef Christian Lindner steht beim Dreikönigstreffen im Stuttgarter Opernhaus auf der Bühne. Seine „Lieben“ (so wirken sie zumindestens) sitzen auf modernen, weißen Sitzelementen im Halbkreis hinter ihm. Die Blicke der Parteimitglieder vor der Bühne sind gespannt auf ihn gerichtet. Der Anzug sitzt perfekt. Seine Hände wandern immer wieder in lockerer Manier in die Hosentaschen. Sein Aktionsradius beschränkt sich auf einen Bruchteil des blauen Teppichs unter ihm. Christian Lindner braucht kein Rednerpult. Er steht auch so im Mittelpunkt der freien Demokraten.

Während der über einstündigen Rede wird seine Stimme immer kraftvoller. Seine Gesten sind rhythmisch, fast schon zackig und präzise. Seine Mimik hingegen gleicht fast einem Pokerface. Nur selten ist ein minimalistisches Lächeln in seinen Mundwinkeln zu erkennen. Seine Nasolabialfalte, der Bereich zwischen Nasenflügel und Lippen, zieht sich dagegen öfter hoch. Ein Zeichen der Ablehnung, das auch bei anderen Interviews immer wieder sichtbar ist. 

Was eine Führungspersönlichkeit ausmacht

Bei Mensch und Tier lässt sich gleichermaßen anhand der Körpersprache feststellen, wem der Alpha-Status, also die Führungsrolle in einer Gruppe, zukommt. Diese nonverbalen Signale der Macht finden sich bei allen Führungspersönlichkeiten, ob in Wirtschaft, Politik oder Sport. Und es ist geradezu beeindruckend, wie Christian Lindner sich in den letzten Jahren den Alpha-Status in der FDP zu eigen gemacht hat. 

Macht und Stärke werden vor allem über Mimik und Körpersprache transportiert. Die vielen nonverbalen Signale, die wir senden, formen und prägen unsere Wirkung auf andere Menschen – und zwar meist unbemerkt, versteckt unter der Oberfläche dessen, was wir bewusst wahrnehmen. Christian Lindner beherrscht den Code der Macht und ist damit ein gutes Beispiel dafür, warum sich manche Menschen besser durchsetzen können als andere.

Die nonverbalen Marker der Macht

Es gibt typische nonverbale Signale der Macht. Nicht alle treten bei einem Menschen in einer Machtposition auf. Dennoch ist es interessant die Marker im Einzelnen zu erkennen. Insbesondere dann, wenn wir unsere eigene Durchsetzungskraft stärken wollen.

Die typische Mimik von Machtmenschen ist das Pokerface. Führungspersönlichkeiten neigen zu einer wenig bewegten Mimik und demonstrieren auf diese Weise ihre Souveränität. 

Beobachten wir Christian Lindner, so ist seine reduziertes Minenspiel fast schon legendär. Gut sichtbar war dies auch in der Talkrunde von Maybritt Illner am 14. Februar 2019. Während Andrea Nahles, Parteivorsitzende der SPD, Katja Kipping von den Linken und Robin Alexander von der Zeitung “Welt” immer wieder freundlich in die Kamera lächeln, bleibt sein Gesicht unbewegt.

Raumeinnehmende Bewegungen und eine offene Körperhaltung

Christian Lindner braucht kein Rednerpult, denn er benötigt Platz. Seine Körpersprache und Gestik sind rhythmisch, zackig und groß. Eine einzige Präsentation von raumeinnehmenden Bewegungen. Hinzu kommt die offene Körperhaltung. Je höher der soziale Status und Einfluss einer Person ist, desto mehr Raum beansprucht diese für sich. Studien zeigen sogar, dass die meisten Menschen eine offene Körperhaltung vor allem mit positiven Eigenschaften wie Durchsetzungsstärke, sozialem Einfluss und Attraktivität verbinden. 

Die Bedeutung der nonverbalen Signale für die eigene Wirkung ist keine Erkenntnis aus der Neuzeit: Bereits 46 vor Christus verfasste der Politiker und berühmteste Redner Roms, Marcus Tullius Cicero, sein Lehrwerk über die Rhetorik. In „Orator“ widmete er die Kapitel 54-60 allein der besonderen Wirkung von Mimik und Gestik. Cicero wusste, wie er seine Hände und sein Gesicht als Machtinstrumente für eine wirkungsvolle politische Rede nutzen konnte. Und Christian Lindner scheint dieses Prinzip mehr als verinnerlicht zu haben. 

Bitte nicht berühren

Aus der Verhaltensforschung weiß man, dass das Hierarchieverhältnis bestimmt, wer wen berühren darf. Die unausgesprochene Regel lautet: Der mit dem höheren Status darf diejenigen mit einem niedrigeren Status berühren. Und nicht umgekehrt. So ist es kaum vorstellbar, dass ein einfacher Abgeordneter im Gespräch mit dem Parteichef seine Hand auf dessen Schulter legt. Der umgekehrte Fall ist hingegen wesentlich wahrscheinlicher. Brigitte Huber, Chefredakteurin der Zeitschrift Brigitte, beschreibt den FDP-Parteichef so: „Die Marke Lindner ist eher eine kühle, erfolgsorientierte Egomarke.“

Und damit sind im Falle von Christian Lindner alle „Berührungen“ wohl dosiert. Und „Berührungen“ sind hier auch im übertragenen Sinne zu verstehen. Verfolgt man sein Instagram-Profil, dann ist nur hier ein gewisses Maß an Berührung erlaubt. Zumindest ergibt sich dieser Eindruck, wenn man ihn auf einer Treppe sitzend mit einem Herzchen-Lolli posieren sieht. Lächelnd, ja fast schon nahbar. Wenn man es nicht besser wüsste. 

Was wir von ihm lernen können

Dosiert lassen sich auch für uns die nonverbalen Marker der Macht bewusst einsetzen, um die eigene Überzeugungskraft beispielsweise in einer Eröffnungsrede oder einem Interview zu steigern. Es gilt jedoch, dabei die Balance zu wahren: Zu viele oder zu deutliche Dominanz-Gesten können abschreckend wirken und den Eindruck von Imponiergehabe vermitteln. Deshalb ist eine offene und aufrechte Haltung wichtig. Sie ist immer mit positiven Eigenschaften verbunden und unterstreicht die eigene Überzeugungskraft. 

Wirst du berührt, dann achte darauf, dass du diese Berührung erwiderst. Das stellt dich nonverbal wieder auf die gleiche Ebene, wie dein Gegenüber. Und noch ein wichtiger Hinweis: Wenn du keinen Konflikt riskieren willst, verwende solche Gesten niemals bei Personen, die dir hierarchisch übergeordnet sind. 

Was kommt als nächstes, Christian?

Betrachten wir das gesamte politische Agieren wertfrei, dann ist festzuhalten, dass es Christian Lindner gelungen ist, dass die FDP wieder politisch wahrgenommen wird. 2017 lagen die Umfragewerte noch bei 6%, 2019 bereits bei 10%. Dabei haben ihm seine Durchsetzungskraft, seine Beharrlichkeit, Disziplin und Klarheit geholfen. Es bleibt spannend, welche Ämter in Zukunft auf ihn warten und wie sich eine mögliche Regierungsbeteiligung auf ihn auswirken wird.

Menschen zu verstehen ist die Währung des 21. Jahrhunderts.
Deine Wiebke Marschner

Avatar

Wiebke Marschner

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Seminarprogramm2020

Lerne 2020 Dinge, die dich im Leben weiterbringen.

Zum Seminarkatalog