EinePizzadieverbindet

Eine Pizza die verbindet.

Langsam fahre ich auf den leeren Parkplatz des Hotels. Zehn Stockwerke, unzählige dunkle Fenster, vier davon beleuchtet.
Die Lobby ist fast leer. Nur ein Gast schlürft aus einer Take-Away-Plastikbox, asiatische Nudelsuppe. „Ahh…“, denke ich „sie haben auch hier die Hotelküche dicht gemacht.“

Ein mutloser Moment der sinnbildlich dafür steht, dass berufliches Reisen gerade wirklich keine Freude macht. Niemandem.

Der Portier, ein kleiner älterer Mann, drahtig, lebendig mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht begrüßt mich. „Sie müssen Frau Marschner sein.“ Irritiert, bereits zu diesem Zeitpunkt mit Namen angesprochen zu werden, da ja theoretisch jederzeit andere Gäste kommen könnten. Aber so ist es nicht. Heute wird wohl nach mir niemand mehr kommen.

Auf dem Zimmer kein Schreibtisch nur ein viel zu großes Bett. Nicht die beste Situation, um noch den Rest für die morgige Verhandlung vorzubereiten. Also runter in die leere Lobby, bewaffnet mit Laptop und Maske.

Mit schnellem Schritt kommt der Portier auf mich zugelaufen. Wieder ein strahlendes Lächeln um die Augen. „Möchten Sie etwas trinken? Ich habe alles da.“ Er scheint auch der Barkeeper zu sein. „Sie können auch noch was essen. Wir haben Pizza. Margarita, Salami oder Prosciutto!“. Und der Koch… (seine großen Augen, hochgezogenen Augenbrauen, die fröhliche Stimme, das beifallsheischende Kopfnicken) – all das lässt mich schmunzeln und ich stimme der Pizza und dem Wein zu.

Wein und Pizza kommen und mir geht durch den Kopf, dass die asiatische Take-Away-Suppe vom Imbiss gegenüber, wohl die bessere Wahl gewesen wäre.

Der Barkeeper/Koch/Portier wünscht mir mit Begeisterung guten Appetit. Der Wein hilft. Nach kurzer Zeit steht er schon wieder vor mir: „Schmeckt es?“, fröhlich redet er weiter, ohne eine Antwort abzuwarten und erzählt mit breitem Leipziger Dialekt, dass es so schön ist, wieder Menschen, um sich zu haben. Die letzten Wochen war er nur zu Hause und alleine spazieren gehen, ist irgendwann auch nicht mehr schön. Das Hotel habe ihn angerufen, ob er nicht Lust hätte, bis Weihnachten die Spätschichten zu übernehmen.

Die Pizza ist vergessen und auch die Vorbereitungen für die morgige Verhandlung schiebe ich zur Seite. Wir unterhalten uns den ganzen weiteren Abend. Lachen und erzählen von den letzten Wochen und denen die da kommen.

Wildfremde Menschen die sich miteinander verbunden fühlen und die für einen kurzen Moment die Situation teilen. Mich hat der Abend und die Aussagen des Mannes in dem Hotel, sehr berührt.

Als Menschen sind wir soziale Wesen und brauchen die Nähe und Gemeinschaft zu anderen dringend. Warum das so ist, hat Manfred Spitzer in seinem Buch „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit“ mit all seinen Auswirkungen und dem Teufelskreis dahinter beschrieben.

Die Arbeit an dem Abend Arbeit sein zu lassen, eine Pizza zu essen, die mir eigentlich nicht schmeckte war in diesem Moment für mich auf komische Art und Weise wie Weihnachten.

Dieses Jahr feiern wir Weihnachten anders. So, wie wir alle es wohl noch nie erlebt haben. Aus diesem Grund wünsche ich Ihnen, dass Sie gerade jetzt viele kleine überraschende Momente der Menschlichkeit erleben. Vielleicht mit Menschen und Situationen, mit denen Sie nicht gerechnet haben.

In diesem Sinne: Ihnen und Ihrer Familie Frohe Weihnachten und einen ruhigen Start in das neue Jahr.

Herzlichst
Ihre
Wiebke Marschner