Gefühle entdecken in der Stille

Männer, die auf Raufaser starren.

Seminare sind anstrengend. Zumindest, wenn sie gut sind. Diese Woche war ich auf so einem Seminar bei dem es um das Thema „Emotionscoaching auf Identitätsebene“ ging. Gefühle! Mein Thema. Vom ersten Moment an war ich von den Inhalten, dem Trainer und der Interventionstechnik so begeistert, dass mein Hirn nur so qualmte. In meinem Kopf riefen immer mehr imaginäre Stimmen wild durcheinander. Laute Stimmen, was jetzt alles zu tun sei. Leise Stimmen, für welche Klienten das hilfreich sein könnte. Rauschen in den Ohren. Quere Gedanken. Themen die bei mir offen sind und mich lähmen. Und Bilder über Bilder. Wäre es möglich gewesen, wäre wohl Dampf aus meinen Ohren gekommen…

Endlich ins Hotelzimmer kommen, um den wilden Kopf zu sortieren, schien da die beste Lösung. Laptop aufklappen, Termine koordinieren, Checklisten und co. nacharbeiten. Deshalb war mein Ziel, den letzten „optionalen“ Teil des Tages mit dem Gast-Trainer auszulassen – eine Non-Speaker-Meditation.

18.20 Uhr. Meine Seminarunterlagen hatte ich zusammengeräumt und ich war schon auf dem Weg zur Garderobe. Alle anderen wollten bleiben. Ein quirliges Durcheinander. Jetzt gingen noch weitere Stimmen in meinem Hirn an: „Hmmm, gehen? Nee also, das macht man ja nicht. Und außerdem ist es ja auch blöd für den Trainer wenn Plätze frei sind – also ein Platz… Als einzige gehen? Was denken die anderen?“ Also blieb ich.

Der Weg zur Stille

Michael Meudt, Gasttrainer an diesem Abend, legte los. Nur durch seine Körpersprache stellt er einen stressigen, angespannten Tag, wie wir ihn alle kennen, dar – die typische Hetze durch den Alltag. Traurigkeit kam in mir hoch. Traurig deshalb, weil mir bewusst wurde, was da alles auf der Strecke bleibt. Er ließ mich mit meiner Traurigkeit nicht alleine. Denn direkt im Anschluss kam der Gegenpol. Die körpersprachliche Darstellung eines achtsamen Tages. Seine Körpersprache, seine Mimik: entspannt, lässig, liebevoll, lebendig, lächelnd.

In diese wenigen Minuten wurde die Hektik in meinem Kopf, die Unruhe in meinem Körper, der Dampf auf den Ohren, weniger. Die Stimmen im Kopf wurden so leise, bis sie endlich ganz verstummten… Stille war eingekehrt.

Gefühlsblind

Was passiert eigentlich mit uns wenn wir Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate durch den Alltag hetzen? Unsere Wahrnehmung nimmt ab. Sie nimmt so dramatisch ab, dass wir uns im wahrsten Sinne des Wortes in einem psychologischen Nebel befinden. Es ist nur noch ein „Durch-den-Alltag-tasten“. Weder unsere eigene Gefühlswelt können wir dann spüren, noch die von unserem Gegenüber. Eine empathische Kommunikation ist nicht mehr möglich.

Studien zeigen, dass gerade seit dem Jahrhundertwechsel um das Jahr 2000 herum, die Empathie, also die Fähigkeit die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen, drastisch abgefallen ist. Und wir leben in einer Zeit, in der sich jeder Zehnte in der Bevölkerung als gefühlsblind beschreibt. Nach eigenen Angaben also Schwierigkeiten hat, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu beschreiben. Die sogenannte Alexithymie leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet soviel wie: “keine Worte für Gefühle”. Und genau hier ist das Problem. Nur, wenn wir in der Lage sind unsere eigenen Gefühle wahrzunehmen, sind wir auch in der Lage die Emotionen anderer zu sehen.

Ist unser Gegenüber traurig oder müde, ist er gereizt oder angespannt? Ist er vielleicht verängstigt oder irritiert? Nur, wenn wir uns selbst wahrnehmen, können wir diese Fragen leicht beantworten.
Um wieder in die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung zu kommen, um den Verstand zu beruhigen, helfen Atemübungen. So wie bei mir an diesem Abend.

Man kann von Meditation ja viel oder wenig halten. Sicher ist aber, dass alleine eine Minute tiefes Atmen und Stille, bereits den Blutdruck senkt. Das haben Studien gezeigt. 

In seinem Buch „Männer, die auf Raufaser“ starren, beschreibt Michael Meudt seine persönlichen Erfahrungen mit der Stille und der Atmung. Das Buch ist mit Humor und Leichtigkeit geschrieben und bietet Übungen an, die dabei helfen die Fähigkeit der Selbstwahrnehmung wieder aufzubauen.

Die eigene Wahrnehmung testen

Und wenn du heute schon wissen willst, wie es um deine Wahrnehmung tatsächlich bestellt ist, dann freue ich mich wenn du den Wahrnehmungs-Test machst. Klicke dafür einfach auf unten stehenden Link. 14 Gesichter, 7 Emotionen, 100 Millisekunden. Die Auswertung erhältst du von mir per Mail.

Hier geht es zum Wahrnehmungs-Test

Vielleicht ist gerade jetzt wieder die Zeit gekommen, um sich Zeit zu nehmen, das zu sehen, was ist. Und, um die vielen inneren Stimmen, die so häufig in unseren Köpfen sind, in wenigen Minuten still werden zu lassen.

Menschen zu verstehen ist die Währung des 21. Jahrhunderts.
Deine Wiebke Marschner